Militärischer Nahkampf bei der Bundeswehr
#16
Wenn man reinen militärischen Nahkampf betrachtet, so führt das Kampfunfähig machen des Gegners automatisch dazu, dass man damit die Kontrolle über die eigene Feuerwaffe (wieder) erlangt. Diese beiden Punkte sind also in Wahrheit kein Widerspruch zueinander.

Wesentlich ist hier der Begriff Kampfunfähig. Es ist relevanter den Gegner kampfunfähig zu machen, als ihn tödlich zu verletzen. Das hört sich vielleicht Paradox an, hat seinen Grund aber darin, dass tödliche Verletzungen in manchen Fällen und Konstellationen dennoch keine ausreichend schnelle Mannstoppwirkung erzielen. Der Gegner also in einer Minute gesichert tot ist, aber trotzdem noch die erste halbe Minute voll handeln kann.

Das Ziel muss daher immer sein, den Gegner so schnell wie möglich kampfunfähig zu machen.

Zum Nahkampf gehört im weiteren das Schießen in der Nahdistanz als wesentlichster Bestandteil. Wie feuere ich eine Pistole oder gar ein Gewehr im Nahkampf ab, oder gar wenn der Gegner unmittelbar mit mir im Ringkampf befindlich ist?!

ShivWorks hat hierfür beispielsweise einige gute Konzepte entwickelt. Spezifisch für den Einsatz der Pistole im Nahkampf und im Ringen.

https://www.youtube.com/@ShivWorks/videos

Das sind beispielsweise so Aspekte die bei der Bundeswehrnahkampfausbildung meiner Kenntnis nach praktisch nicht vorkommen.

Zitat:Auch muss man natürlich sagen, dass es in den Übungen immer etwas blöd aussieht wie da hantiert wird, man kann ja schlecht den Sparring Partner die Waffe wirklich ins Gesicht rammen.

Es gäbe schon Schutzausrüstung mit welcher man solches sehr weitgehend simulieren könnte. Aber wenn nicht dem Partner, dann einem Übungsziel während der Partner unmittelbar neben und hinter diesem steht und für das Übungsziel agiert. Die NVA hatte beispielsweise deshalb genau dieses Konzept von Übungsziel und Partner in Kombi.

Im übrigen ist die Frage der Übbarkeit erneut eine, die für Messer spricht. Denn Messerkampf kann ich mit entsprechenden Übungsmessern und deutlich leichterer Schutzausrüstung sehr intensiv und sehr realitätsnah üben.

Beim Schlagen vs Ringen setzt sich querschnittlich das Ringen durch. Gegner die schlagen schaffen es meist nicht, den Ringkampfangriff tatsächlich zu verhindern. Dies umso mehr, wenn der Ringer ein Messer in der Hand hat und damit in den Ringkampf übergeht, weil das Messer die Schläge des Distanzkämpfers bedingt negiert / untauglich macht weil dieser nicht in die Klinge schlagen kann. Das gleiche gilt aber auch für den Kampf gegen jemanden der mit einem Gewehr seitliche Stöße ausführt oder mit dem Kolben zuschlägt. Mit etwas Übung kommt man mit dem Messer an solche Leute heran, so nahe dass ihre Schlagwaffe (das Sturmgewehr) damit neutralisiert wird und dann haben sie gegen das Messer entsprechend verloren.

Deshalb gab es beim Bajonettkampf früher durchaus Stile bzw. Auffassungen, dass man primär auf Stiche und Schnitte mit dem Bajonett setzen soll, während Kolbenschläge nur als letztes Resort dann eingesetzt werden wenn der Gegner das Bajonett passiert, was aber gar nicht so leicht ist. Dennoch setzte sich im Ersten Weltkrieg querschnittlich der Dolch gegen das Bajonett durch, primär weil man mit dem Dolch noch eine zweite Hand frei hat und die Verhältnisse beengt waren und weil die Kolbenstöße gegen den Ringerangriff mit Dolch querschnittlich unterlagen. Deshalb die ganzen Grabenmesser, Grabendolche, die Arditi usw.

Wohlgemerkt geht es hier immer um den Querschnitt und um grundsätzliche Wahrscheinlichkeiten. Heute aber, wo die Sturmgewehre deutlich kürrzer sind als die frühere Gewehr / Bajonett Kombination, und deutlich leichter, und die Kolben aus Kunststoff mit Klappmechanismus nicht mal ansatzweise mit dem vergleichbar was früher mal war, machen Kolbenstöße und Schläge eigentlich erst recht keinen Sinn mehr. Stattdessen muss man versuchen Abstand und die Möglichkeit zu Schießen mit schnellen harten Stichen mit der Laufmündung herzustellen.

Auch hier ist das gewinnen von Abstand und damit die Möglichkeit dass ein Kamerad mit der Feuerwaffe in den Nahkampf eingreifen kann relevant. Man muss den Gegner so weit weg halten, dass im Idealfall ein Kamerad heran springen und auf den Gegner feuern kann. Dieses feuern im Nahkampf als Gruppenaufgabe, als Truppaufgabe usw. wird meiner Kenntnis nach bei der Bundeswehr ebenfalls nicht geübt. Dabei ist gerade das eine Nahkampftechnik die sehr viel wesentlicher ist als alle ohne Feuerwaffe und die trainierbar ist. Denn gerade da kommt es auf die Koordination an.
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#17
Nahkampf ist für Soldaten der Bundeswehr der Feuerkampf unterhalb von 30 Metern.
Waffenlose Selbstverteidigung/Waffenloser Kampf ist das kämpfen mit Händen und Füßen oder Hilfsmitteln.
Früher war das ZDv 75/410 glaub ich .
Ihr diskutiert hier über werbevideos von verschiedenen Kursen die allgemeinmilitärisch sind . Die Inhalte dieses Kurses wurden leicht abgeändert aber ansonsten von der israelischen Armee übernommen.
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#18
Die Trennung von beidem ist bereits falsch. Der Feuerkampf in der Nahdistanz und Waffenloser Kampf müssen als eines trainiert werden. Im übrigen ist KRAVOLUTION keineswegs das was die israelische Armee so treibt. Auch ist das Nahkampftraining der israelischen Armee keineswegs so gut wie man annehmen könnte, weil es da nur darum geht, Soldaten einer Massenwehrpflichtarmee so schnell und effizient wie möglich einige wenige Grundlagen zu vermitteln. Aber auch davon weicht der KRAVOLUTION Ungeist in der Bundeswehr deutlich ab.

Richtig ist natürlich, dass man von diesen Werbevideos nicht wirklich viel ableiten kann. Dennoch zeigen sie auch viel von dem was sie nicht zeigen, nämlich grundsätzliche Einstellungen, Ausrichtungen, Konzepte. Und Konzepte sind immer wesentlicher als Techniken.
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#19
Auch hier geht es um nicht mehr als der Masse die Grundlagen zu zeigen . Alles andere ist Geld und Zeitverschwendung.
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#20
Absolut richtig.

Aber das ist ja genau das was ich beklage und eingangs geschrieben habe. Das man gerade wenn man diese Zielsetzung hat, den Nahkampf ohne Feuerwaffe (als Teil des Nahkampf und nicht getrennt davon!) anders ausbilden muss.

Gerade eben wenn es nur um eine gewisse einfachste Grundlage für die Masse geht, gerade eben dann ist das was die Bundeswehr hier tut rein konzeptionell falsch.
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Noch ein Fundstück (Kommentierung kommt noch):

https://www.youtube.com/watch?v=mXrOfe3YPn0
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#21
Die breite Masse erfüllt die Anforderungen an schiessleistungen schon garnicht, geschweige denn das sie schon die eignungsfeststellung bestehen würden.
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#22
Der militärische Nahkampf ist das Ergebnis taktischen Versagens, keine taktische Aufwertung. Tatsächlich ist er einer Bankrotterklärung ähnlicher. Wer in den Nahkampf gerät, besonders den waffenlosen, hat taktisch versagt. Die Notwendigkeit beweist das Scheitern. Es ist einfach eine Verzweiflungstat.

Selbst tödliche Schußwaffentreffer mit hoher Durchschlagskraft schalten einen Angreifer nicht augenblicklich aus. Seine feindselige Handlung setzt sich oft noch mehrere Sekunden fort. Tödliche Wunden machen in den meisten Fällen nicht sofort handlungsunfähig. Keine Kleinwaffenmunition ist ein Zauberstab, der mit einem oder wenigen Treffern in den Oberkörper zuverlässig und sofort stoppt. Wer das glaubt, unterliegt einer Wahnvorstellung.

Hundertprozentige "Stoppwirkung" garantiert nur ein Güterzug – unabhängig von seiner Geschwindigkeit besitzt er schlicht die Energie, alles Lebende auf der Stelle zu neutralisieren. Und es ist auch keine Frage des Kalibers: Wenn man ein Geschoß durch das lebenswichtige Organ schießen kann, auf das man zielt, spielt das Kaliber keine Rolle. Und wenn man das nicht kann, spielt das Kaliber ebenfalls keine Rolle.

Treffgenauigkeit ist ohnehin neuralgisch im Feuergefecht – aber nicht das Letztentscheidende. Letztentscheidend ist die disziplinierte Entschlossenheit, die eigenen Fähigkeiten konsequent einzusetzen und zu tun, was getan werden muß, wie John Wayne vielleicht gesagt hätte.

Ein Herztreffer etwa unterbricht die Blutversorgung des Gehirns sofort – dennoch reichen die verbleibenden Reserven für 15 bis 30 Sekunden effektiven Kampfes. Bei einem kleinen Durchschuß durch eine Herzwand kann sich das Herz noch etwas länger halten, bevor es in Flimmern gerät und nicht mehr hinreichend Blut liefert. Bei nahezu jeder anderen tödlichen Schußwunde, die zum Verbluten führt, dehnt sich diese Zeitspanne auf Minuten aus – bis zu 30 Minuten sind möglich, trotz letztlich tödlicher Verletzung.

Im militärischen Nahkampf – selbst unter der günstigen Annahme eines echten Eins-gegen-eins ohne gegnerische Verstärkung – ist Stoppwirkung noch weniger zu haben als beim Schußwaffeneinsatz. Fast jede Nahkampfsituation endet im Gerangel!

Der kritischste Moment ist die erste Sekunde: die erste Reaktion! Und diese lässt sich auch im militärischen Durchlaufbetrieb trainieren – ohne die Notwendigkeit einer eigenen Schule oder eines eigenen Lehrgangs, sondern integriert in die reguläre Gefechtsausbildung.

Kein Nahkampfsystem ist wirklich militärtauglich. Kein Nahkampfsystem erfüllt militärische Anforderungen. Als „militärtauglich" kann allenfalls gelten, was zumindest nicht aktiv militäruntauglich ist. Der sogenannte Zweikampf ist wie eine Sprache: Entweder man investiert Jahre, lebt idealerweise mitten darin – das ist der Krieger, nicht der Soldat – oder man besucht ein paar Kurse. Die Qualität ist entsprechend.

Ich habe mich hier bei Nahkampf nicht auf die militärische Definition bezogen, welche damit jeden Kampf in einer Entfernung von bis zu 30 m beschreibt. Die ermisst sich nämlich anhand der realistischen maximalen Wurfentfernung mit einer Handgranate unter Gefechtsbedingungen. Ich beziehe mich auf das, was man gemeinhin unter (waffenlose) Selbstverteidigung ausdrückt.
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#23
Vielen Dank für diese sehr guten Ausführungen!

Ergänzend:

Zitat:Wenn man ein Geschoß durch das lebenswichtige Organ schießen kann, auf das man zielt, spielt das Kaliber keine Rolle. Und wenn man das nicht kann, spielt das Kaliber ebenfalls keine Rolle.

Das kann man nur hervorheben. Bei den üblichen beim Militär verwendeten Kugelwaffenkalibern für Sturmgewehre und Pistolen, insbesondere aber bei der 9mm der Handfeuerwaffe, hängen um die 80% der tatsächlichen Wirkung von der exakten Trefferlage ab. Die Trefferlage ist damit der entscheidendste Faktor.

Gerade auf kürzeste Distanzen, in extrem schnellen, komplexen, hochdynamischen Situationen ist die für eine hohe Mannstoppwirkung erforderliche Trefferlage nur schwer gewährleistbar bzw. erfordert ein erhebliches Können.

Zitat:Der kritischste Moment ist die erste Sekunde: die erste Reaktion! Und diese lässt sich auch im militärischen Durchlaufbetrieb trainieren – ohne die Notwendigkeit einer eigenen Schule oder eines eigenen Lehrgangs, sondern integriert in die reguläre Gefechtsausbildung.

Exakt das!
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#24
Zitat:Der militärische Nahkampf ist das Ergebnis taktischen Versagens, keine taktische Aufwertung. Tatsächlich ist er einer Bankrotterklärung ähnlicher. Wer in den Nahkampf gerät, besonders den waffenlosen, hat taktisch versagt. Die Notwendigkeit beweist das Scheitern. Es ist einfach eine Verzweiflungstat.

Schon mal was von Verhältnismäßigkeit gehört ? Wir sind im 21.Jhr, die Aufgaben und Einsatzszenarien von Soldaten sind heute viel breiter als vor 60 Jahren.
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#25
Wir haben im Grabenkampf schon ausgebildet, dass, wenn man verschossen hat oder bei einer Störung der Hintermann übernimmt. Das muß man üben. Ehemalige Fallis waren da bei Reserveübungen eigentlich immer ganz fit.
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#26
Genau das wäre so wesentlich. Gruppennahkampf = Koordination, in welchen Winkeln man im Nahkampf auf den Gegner feuern kann, wie man zusammen kämpft, einen Gegner etwaig auch ohne Feuerwaffe zusammen überwältigt usw. Eben nicht diese stete Duellsituation welche die Bundeswehr meiner Ansicht nach überhöht. Und für die Duellsituation eine deutliche Technikreduzierung / Schwerpunktsetzung als Teil des Nahkampf insgesamt und nicht getrennt davon. Also integriert in die reguläre Gefechtsausbildung.
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#27
(Vor 5 Stunden)alphall31 schrieb: Schon mal was von Verhältnismäßigkeit gehört ? Wir sind im 21.Jhr, die Aufgaben und Einsatzszenarien von Soldaten sind heute viel breiter als vor 60 Jahren.

Was dann kein militärischer Nahkampf ist.
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#28
Noch so ein Fundstück:

https://www.youtube.com/watch?v=_Opy6KejAnQ

Erstaunlich sind die Unterschiede und die Uneinheitlichkeit im Laufe der Jahre. Wer ständig etwas ändert, macht oft wahrscheinlich nicht das richtige.

Krav Maga - WT - Kravolution - Boxen - hin und her und mehrheitlich nicht das was man tatsächlich benötigen würde - überwiegend aber anscheinend irgendwelches Halb, Pseudo oder sonstwie Krav Maga

Vor 14 Jahren

https://www.youtube.com/watch?v=Nh4Ymsv2JX8

Vor 13 Jahren

https://www.youtube.com/watch?v=p71QBPVrios

Vor 6 Jahren

https://www.youtube.com/watch?v=UyZlcIcJE8I

Aktuelles Getue

https://www.youtube.com/shorts/fXKGkxNhD-M


Pogu:

Zitat:Was dann kein militärischer Nahkampf ist.

Ich verstehe was du meinst, aber meiner Meinung nach ist Nahkampf gleich Nahkampf. Natürlich können die jeweiligen Ziele divergieren, dennoch handelt es sich meiner Meinung nach trotzdem nicht um unterschiedliches. Vielmehr müsste man sich genau darauf konzentrieren, was auch bei verschiedenen Zielen des Nahkampf gleichermaßen angewendet werden kann. Beispielsweise macht deshalb Boxen, WT usw. keinen Sinn, während Ringen usw. sinnvoller sind. Deshalb finde ich es auch so verblüffend, dass man bei der Bundeswehr derart viel Raum und Zeit auf das Schlagen mit der Faust verschwendet, dass bei keiner Zielsetzung irgendeinen Sinn ergibt, egal ob nun gegen einen feindlichen Soldaten im tatsächlichen Gerangel auf Leben und Tod, oder gegen einen Unbewaffneten Zivilisten den ich festnehmen will. Mich erstaunt diese Fixierung auf Faustschläge.
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