Gestern, 13:50
@DrT
Willkommen im Forum erstmal
Diese Frage hatten hier schon einige, ich versuchs mal möglichst simpel zu erklären.
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Die Abwehr ballistischer Raketen, kurz BMD ("Ballistic Missile Defense") oder ABM ("Anti Ballistic Missile"), ist ein recht breites Feld. Grundsätzlich unterscheidet man dabei zwischen einem "endoatmosphärischen" und "exoatmosphärischen" Abfangprozess, der sich nach der Flughöhe des jeweiligen Abfangprozesses definiert. Dabei beschreibt endoatmosphärisches BMD Abfangprozesse </=100km Flughöhe, exoatmosphärisches BMD >100km Flughöhe.
Ballistische Flugkörper verhalten sich, wie der Name schon sagt, ballistisch. Die Klassifizierung erfolgt hier üblicherweise anhand der Reichweite, die jeweils definiert, ob eine BM in die Kategorie TBM, SRBM, MRBM, IRBM oder ICBM fällt. Diese erstrecken sich bspw von 150-800km (TBM) bis weit über 10.000km (ICBM). Je nach Reichweite erreicht eine BM ihren ballistischen Höhepunkt, die maximale Flughöhe gemessen. Dieser Punkt wird "Apogee" genannt und kann von einigen dutzend bis zu tausenden Kilometern reichen.
Die SM-3 ist hierbei ein exoatmosphärischer dreistufiger Interceptor, der Ziele außerhalb der Atmosphäre in Flughöhen zwischen 100km und 1.500km bekämpfen soll.
Soweit der Grundlagen-Crashkurs damit die Begriffe erklärt sind.
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Vorab erstmal hast du recht, es gibt keine Beschaffungspläne für die SM-3 in der deutschen Marine. Diese wird es auch vermutlich niemals geben, warum komm ich noch gleich zu. Die SM-3 der F127 ist mehr ein Gerücht, dass immer mal wieder durch die "Fachpresse" geistert, von der Bundeswehr, vom BAAINBw und BMVg ist hingegen noch nie eine solche Information kommuniziert worden.
Aber warum ist das so? Der Grund darin liegt im angedachten Fähigkeitsprofil der F127. Diese wird primär für den Verbandsschutz bzw für die Verbandsflugabwehr ausgelegt, soll Schiffsverbände vor allem luftseitig schützen. Unter anderem auch vor ballistischen Bedrohungen, die sich gegen diesen richten. Und jetzt wirds technisch.
Es gibt einen Typ Waffe, der sich Anti Ship Ballistic Missile" nennt, ASBM. Dieser Typ Waffe ist im Westen nicht wirklich verbreitet, erfreut sich aber Richtung Asien zunehmender Popularität. Das sind Seezielflugkörper, die im Reiseflug einer ballistischen Flugbahn folgen um große Reichweiten schnell zu überwinden und in einem Endanflug mit supersonischen oder hypersonischen Geschwindigkeiten, Schiffe bekämpfen sollen.
Gegen diesen Typ Waffe soll die F127 wirken können.
Tatsächlich hat die nicht-Beschaffung der SM-3 für die F127 in diesem Fall nichts mit Geld zutun. Um ASBM zu bekämpfen, ist die SM-3 meist sowohl overkill wie auch ungeeignet.
Overkill deswegen, weil die Natur einer ASBM einen Abfangprozess endoatmosphärisch macht. Im Gegensatz zu BM, die gegen Landziele eingesetzt werden, sind ASBM auf einen eigenen Suchkopf angewiesen. Denn ein Gebäude ist stationär, ein Schiff jedoch mobil und mit "Transitzeiten" von üblicherweise mehreren Minuten zwischen Start und Einschlag, hat sich ein Schiff natürlich ordentlich bewegt. Und dieser Suchkopf muss das zu bekämpfende Ziel erfassen um die BM entsprechend steuern zu können. Was er aus dem Weltraum aber nicht kann, da die auf Höhe 50-80km liegende Ionosphäre Radarfrequenzen stört und oft sogar blockiert. Over-the-Horizon-Radars (OTH-Radare), machen sich diesen Effekt bspw zunutze, indem sie Niedrigfrequenz-Radarwellen an der Ionosphäre "abprallen" lassen und sie zurück auf die Erde werfen, womit Gebiete abgedeckt werden können, die man auch herkömmliche geometrische Weise nicht erreichen könnte. Aber das was Radarwellen für OTH-Radare in der Atmosphäre hält, hält Radarwellen außerhalb der Atmosphäre draußen, vereinfacht gesagt. Nur sehr starke Radare sind in der Lage dort durchzudringen und brauchbare Daten zu liefern, bislang ausschließlich boden- oder seegebundene Systeme.
Was stattdessen passiert, ist folgendes:
Nach dem Start folgt eine ASBM einer vorprogrammierten ballistischen Flugbahn. Sie erreicht ihren Apogee, verliert an Höhe und tritt wieder in die Erdatmosphäre ein. Sie folgt ihrer ballistischen Flugbahn bis zu einer ausgewählten Höhe, die meist im +/-40km Bereich liegt, taucht sozusagen einmal durch die Ionosphäre durch und führt ein sog. "pull up maneuver" aus. Dabei verliert die ASBM an Geschwindigkeit (um den größeren Luftwiderstand in geringeren Höhen nicht beschädigt zu werden) und an Sinkrate (um nicht binnen Sekunden ins Meer zu fallen) und aktiviert ihren Suchkopf um das zu bekämpfende Ziel zu lokalisieren. Häufig sind die Suchköpfe während des Fluges auch mit einer Abdeckung versehen, die sie vor der Hitze des Widereintritts schützen, die während des pull up maneuvers dann abgeworfen werden. Nachdem der Suchkopf das Ziel erfasst hat, beginnt der Endanflug, der sich je nach BM unterschiedlich gestalten kann. MWn sind das meistens 45° Anflüge oder Top-Down Attacks aus 90°.
Hier mal näherungsweise dargestellt:
[Bild: https://s1.directupload.eu/images/260304/k6tqntnf.png]
https://www.chinasignpost.com/2010/12/26...ility-ioc/ (Originalbild)
(Karman Linie und Ionosphäre sind von mir beispielhaft eingezeichnet)
Das heißt, sofern die F127 selber das Ziel eines ASBM-Angriffs ist, was den Abfangprozess in die Anflug-/Widereintrittsphase legt, gestaltet sich ein Abfangprozess der ASBM immer in endoatmosphärischen Flughöhen. Vorher ist die ASBM zu weit weg.
Und dafür ist die SM-3 nicht nur Overkill, da die enorme Flughöhe ja gar nicht gebraucht wird, sondern auch ungeeignet. Der Gefechtskopf der SM-3 ist für exoatmosphärische Abfangprozesse im Vakuum des Weltalls ausgelegt und funktioniert kinetisch, wirft eine Art Projektilwolke auf ein Ziel. Der dürfte innerhalb der Atmosphäre, sowohl aufgrund der stärkeren Gravitation wie auch dem Luftwiderstand, gar nicht erst funktionieren. Auch müssten die 3 (oder 4, je nachdem wie man Stufe definiert) der SM-3 zuvor abgesprengt werden, was eine ganz schöne Verschwendung wäre und (da Stufe 1 und 2 nicht "ausgeknippst" werden können, Stichwort Solid Fuel) vermutlich auch so nicht möglich sein.
Stattdessen gibt es endoatmosphärische Interceptors die speziell auf diesen Bracket ausgelegt sind. Das wären bspw Arrow 3 (obgleich Arrow 3 nicht navalisiert ist), die SM-6 (bis auf 34km), bis zu einem gewissen Grad die SM-2 (bis auf 20km) sowie die ASTER 30 B1 und B1NT (bis auf 25km). Für die F127 sind aktuell SM-2IIIC sowie SM-6I geplant.
Perspektivisch wird es neben der ASTER noch zwei weitere europäische endoatmosphärische Effektoren geben, HYDEF und AQUILLA, die beide gegen BM und hypersonische Bedrohungen bis in 50km Höhe wirken sollen.
Generell ist beim Thema F127 der Größe Faktor aber nicht die VLS-Integration sondern die Software Integration, auf die ich jetzt nicht näher eingehe, weil ich sonst den ganzen Tag hier sitze.
So viel sei aber gesagt, Souveränität und AEGIS-Auslegung schließt sich gegenseitig aus. Weshalb ich persönlich auch extrem gegen eine solche Beschaffung bin.
Die SM-3 hingegen ist ein Nischenprodukt dass aktuell so gut wie ausschließlich zum Abfangen von landbasierten und landgerichteten (und nuklearen) BM in der Größenordnung SRBM und aufwärts dient, was für ASBM nicht mehr relevant ist. Die SM-3 ist ein Mittel um bspw Interkontinentalraketen im Startprozess oder im terminalen Anflug zu bekämpfen. Darüber wie sinnvoll das ist, kann man sich natürlich streiten. Meine persönliche Meinung zu der Thematik ist aber, dass wir einen Atomkrieg sowieso nicht überleben und wir diese Ressourcen besser in konventionelle Fähigkeiten investieren sollten.
Willkommen im Forum erstmal

Diese Frage hatten hier schon einige, ich versuchs mal möglichst simpel zu erklären.
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Die Abwehr ballistischer Raketen, kurz BMD ("Ballistic Missile Defense") oder ABM ("Anti Ballistic Missile"), ist ein recht breites Feld. Grundsätzlich unterscheidet man dabei zwischen einem "endoatmosphärischen" und "exoatmosphärischen" Abfangprozess, der sich nach der Flughöhe des jeweiligen Abfangprozesses definiert. Dabei beschreibt endoatmosphärisches BMD Abfangprozesse </=100km Flughöhe, exoatmosphärisches BMD >100km Flughöhe.
Ballistische Flugkörper verhalten sich, wie der Name schon sagt, ballistisch. Die Klassifizierung erfolgt hier üblicherweise anhand der Reichweite, die jeweils definiert, ob eine BM in die Kategorie TBM, SRBM, MRBM, IRBM oder ICBM fällt. Diese erstrecken sich bspw von 150-800km (TBM) bis weit über 10.000km (ICBM). Je nach Reichweite erreicht eine BM ihren ballistischen Höhepunkt, die maximale Flughöhe gemessen. Dieser Punkt wird "Apogee" genannt und kann von einigen dutzend bis zu tausenden Kilometern reichen.
Die SM-3 ist hierbei ein exoatmosphärischer dreistufiger Interceptor, der Ziele außerhalb der Atmosphäre in Flughöhen zwischen 100km und 1.500km bekämpfen soll.
Soweit der Grundlagen-Crashkurs damit die Begriffe erklärt sind.
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Vorab erstmal hast du recht, es gibt keine Beschaffungspläne für die SM-3 in der deutschen Marine. Diese wird es auch vermutlich niemals geben, warum komm ich noch gleich zu. Die SM-3 der F127 ist mehr ein Gerücht, dass immer mal wieder durch die "Fachpresse" geistert, von der Bundeswehr, vom BAAINBw und BMVg ist hingegen noch nie eine solche Information kommuniziert worden.
Aber warum ist das so? Der Grund darin liegt im angedachten Fähigkeitsprofil der F127. Diese wird primär für den Verbandsschutz bzw für die Verbandsflugabwehr ausgelegt, soll Schiffsverbände vor allem luftseitig schützen. Unter anderem auch vor ballistischen Bedrohungen, die sich gegen diesen richten. Und jetzt wirds technisch.
Es gibt einen Typ Waffe, der sich Anti Ship Ballistic Missile" nennt, ASBM. Dieser Typ Waffe ist im Westen nicht wirklich verbreitet, erfreut sich aber Richtung Asien zunehmender Popularität. Das sind Seezielflugkörper, die im Reiseflug einer ballistischen Flugbahn folgen um große Reichweiten schnell zu überwinden und in einem Endanflug mit supersonischen oder hypersonischen Geschwindigkeiten, Schiffe bekämpfen sollen.
Gegen diesen Typ Waffe soll die F127 wirken können.
Tatsächlich hat die nicht-Beschaffung der SM-3 für die F127 in diesem Fall nichts mit Geld zutun. Um ASBM zu bekämpfen, ist die SM-3 meist sowohl overkill wie auch ungeeignet.
Overkill deswegen, weil die Natur einer ASBM einen Abfangprozess endoatmosphärisch macht. Im Gegensatz zu BM, die gegen Landziele eingesetzt werden, sind ASBM auf einen eigenen Suchkopf angewiesen. Denn ein Gebäude ist stationär, ein Schiff jedoch mobil und mit "Transitzeiten" von üblicherweise mehreren Minuten zwischen Start und Einschlag, hat sich ein Schiff natürlich ordentlich bewegt. Und dieser Suchkopf muss das zu bekämpfende Ziel erfassen um die BM entsprechend steuern zu können. Was er aus dem Weltraum aber nicht kann, da die auf Höhe 50-80km liegende Ionosphäre Radarfrequenzen stört und oft sogar blockiert. Over-the-Horizon-Radars (OTH-Radare), machen sich diesen Effekt bspw zunutze, indem sie Niedrigfrequenz-Radarwellen an der Ionosphäre "abprallen" lassen und sie zurück auf die Erde werfen, womit Gebiete abgedeckt werden können, die man auch herkömmliche geometrische Weise nicht erreichen könnte. Aber das was Radarwellen für OTH-Radare in der Atmosphäre hält, hält Radarwellen außerhalb der Atmosphäre draußen, vereinfacht gesagt. Nur sehr starke Radare sind in der Lage dort durchzudringen und brauchbare Daten zu liefern, bislang ausschließlich boden- oder seegebundene Systeme.
Was stattdessen passiert, ist folgendes:
Nach dem Start folgt eine ASBM einer vorprogrammierten ballistischen Flugbahn. Sie erreicht ihren Apogee, verliert an Höhe und tritt wieder in die Erdatmosphäre ein. Sie folgt ihrer ballistischen Flugbahn bis zu einer ausgewählten Höhe, die meist im +/-40km Bereich liegt, taucht sozusagen einmal durch die Ionosphäre durch und führt ein sog. "pull up maneuver" aus. Dabei verliert die ASBM an Geschwindigkeit (um den größeren Luftwiderstand in geringeren Höhen nicht beschädigt zu werden) und an Sinkrate (um nicht binnen Sekunden ins Meer zu fallen) und aktiviert ihren Suchkopf um das zu bekämpfende Ziel zu lokalisieren. Häufig sind die Suchköpfe während des Fluges auch mit einer Abdeckung versehen, die sie vor der Hitze des Widereintritts schützen, die während des pull up maneuvers dann abgeworfen werden. Nachdem der Suchkopf das Ziel erfasst hat, beginnt der Endanflug, der sich je nach BM unterschiedlich gestalten kann. MWn sind das meistens 45° Anflüge oder Top-Down Attacks aus 90°.
Hier mal näherungsweise dargestellt:
[Bild: https://s1.directupload.eu/images/260304/k6tqntnf.png]
https://www.chinasignpost.com/2010/12/26...ility-ioc/ (Originalbild)
(Karman Linie und Ionosphäre sind von mir beispielhaft eingezeichnet)
Das heißt, sofern die F127 selber das Ziel eines ASBM-Angriffs ist, was den Abfangprozess in die Anflug-/Widereintrittsphase legt, gestaltet sich ein Abfangprozess der ASBM immer in endoatmosphärischen Flughöhen. Vorher ist die ASBM zu weit weg.
Und dafür ist die SM-3 nicht nur Overkill, da die enorme Flughöhe ja gar nicht gebraucht wird, sondern auch ungeeignet. Der Gefechtskopf der SM-3 ist für exoatmosphärische Abfangprozesse im Vakuum des Weltalls ausgelegt und funktioniert kinetisch, wirft eine Art Projektilwolke auf ein Ziel. Der dürfte innerhalb der Atmosphäre, sowohl aufgrund der stärkeren Gravitation wie auch dem Luftwiderstand, gar nicht erst funktionieren. Auch müssten die 3 (oder 4, je nachdem wie man Stufe definiert) der SM-3 zuvor abgesprengt werden, was eine ganz schöne Verschwendung wäre und (da Stufe 1 und 2 nicht "ausgeknippst" werden können, Stichwort Solid Fuel) vermutlich auch so nicht möglich sein.
Stattdessen gibt es endoatmosphärische Interceptors die speziell auf diesen Bracket ausgelegt sind. Das wären bspw Arrow 3 (obgleich Arrow 3 nicht navalisiert ist), die SM-6 (bis auf 34km), bis zu einem gewissen Grad die SM-2 (bis auf 20km) sowie die ASTER 30 B1 und B1NT (bis auf 25km). Für die F127 sind aktuell SM-2IIIC sowie SM-6I geplant.
Perspektivisch wird es neben der ASTER noch zwei weitere europäische endoatmosphärische Effektoren geben, HYDEF und AQUILLA, die beide gegen BM und hypersonische Bedrohungen bis in 50km Höhe wirken sollen.
Generell ist beim Thema F127 der Größe Faktor aber nicht die VLS-Integration sondern die Software Integration, auf die ich jetzt nicht näher eingehe, weil ich sonst den ganzen Tag hier sitze.
So viel sei aber gesagt, Souveränität und AEGIS-Auslegung schließt sich gegenseitig aus. Weshalb ich persönlich auch extrem gegen eine solche Beschaffung bin.
Die SM-3 hingegen ist ein Nischenprodukt dass aktuell so gut wie ausschließlich zum Abfangen von landbasierten und landgerichteten (und nuklearen) BM in der Größenordnung SRBM und aufwärts dient, was für ASBM nicht mehr relevant ist. Die SM-3 ist ein Mittel um bspw Interkontinentalraketen im Startprozess oder im terminalen Anflug zu bekämpfen. Darüber wie sinnvoll das ist, kann man sich natürlich streiten. Meine persönliche Meinung zu der Thematik ist aber, dass wir einen Atomkrieg sowieso nicht überleben und wir diese Ressourcen besser in konventionelle Fähigkeiten investieren sollten.
