Frank353:
Zitat:Auch bei der Einordnung mechanisierter Großverbände würde ich eher von einer notwendigen Transformation als von grundsätzlicher Obsoleszenz sprechen.
Ich hab nicht gesagt, dass sie per se obsolet wären. Die Frage was für Systeme, Verbände, Strukturen, Doktrin usw. richtig oder falsch sind, hängt von den Umständen ab. In dem einen Szenario sind daher mechanisierte Großkampfverbände absolut wesentlich und entscheidend, im anderen wertlos. Und dazwischen gibt es viele andere Möglichkeiten.
Das gilt für schlussendlich alle militärischen Möglichkeiten. Im Friedensbetrieb neigen Armeen nun dazu mehr generalistisch zu sein, da das zukünftige Kriegsbild nicht sicher bestimmbar ist. Im Krieg spezialisieren sie sich dann eher, und folgen den Anforderungen. Die möglichst weitgehende Anpassung an einen etwaige zukünftigen Krieg und dessen etwaige Form sind dabei genau so ein problem wie wenn man sich zu wenig auf zukünftige Möglichkeiten anpasst.
Die heutige Bundeswehr ist jedoch ein Extrembeispiel maximaler Breite bei unzureichender Tiefe. Spezifisch für die Bundeswehr wäre es daher angesichts der Gesamtumstände notwendig, sich mehr zu spezialisieren und in wesentlichen Kernbereichen Schwerpunkte zu schaffen, immer im Gesamtkontext. Aber das führt zu der Frage des verfassungsgemäßen Auftrages der Landesverteidigung und wie dieser überhaupt bewerkstelligt werden kann.
Und wie man diesen Auftrag finanziell stemmen kann ! und das geht eben nicht (aus Zeitgründen wie aus Finanzgründen) mit mechanisierten Großkampfverbänden. Das hat rein gar nichts mit der Frage zu tun, ob diese obsolet sind oder nicht.
Zitat:Vor allem bei der Rolle von Nuklearwaffen und der Frage, ob und wie „Überlebensfähigkeit“ nach Nuklearschlägen strategisch sinnvoll gedacht werden kann, bin ich deutlich skeptischer. Für mich liegt der Kern der Abschreckung weniger in der Beherrschbarkeit des Ernstfalls als in der Verhinderung, dass er überhaupt eintritt.
Genau das, diese Idee dass Atomwaffen 1. beherrschbar sind - 2. dass sie nicht eingesetzt werden und 3. dass ihre Existenz ihren Einsatz verhindert, ist meiner Überzeugung nach das Problem. Das ist einer der typischsten menschlichen Fehler: man überbewertet die historische Erfahrung (Kalter Krieg), man betreibt Strukturextrapolierung und man nimmt an, dass Dinge die bisher so gewesen sind auch in Zukunft so sein müsse und sein werden.
Genau darin liegt das Problem. Und selbst in Kalter Krieg Zeiten wäre es mehrfach fast zum Atomkrieg gekommen und dies unter wesentlich stabileren und besseren Umständen als heute.
Atomwaffen müssen daher vom Ernstfall aus gedacht werden.
Jede Beschaffung von Atomwaffen mit der idee, dass das Ziel der Atomwaffen die Verhinderung ihres Einsatzes ist, kann daher nur falsch sein. Ebenso muss bei jedem Krieg mit Russland eigentlich auch mit einem Nuklearkrieg geplant werden, und dass findet genau so wenig statt. Die Bundeswehr ist heute für einen auch mit Atomwaffen geführten Krieg extrem schlecht aufgestellt.
Deshalb muss man die richtige Reihenfolge beachten: zuerst man die Streitkräfte für eine zumindest begrenzte Atomkriegsführung befähigen und dazu die Bevölkerung ebenfalls. Und erst danach machen eigene Atomwaffen Sinn. Und für diese braucht man eine glaubhafte und absolut gesicherte Einsatzdoktrin.
Allein die Frage einer deutschen Atomwaffendoktrin ist nicht ansatzweise geklärt. Man braucht aber vorher eine solche und erst dann kann man sinnvoll Nuklearwaffen beschaffen. Zuerst die Doktrin. denn davon hängt auch die Frage ab, was für Waffen man beschafft und wie man diese genau einsetzen will.
Bei einem großen strategischen Angriff ist zudem die Frage, ob ein Zweitschlag danach überhaupt noch irgendeinen Snn ergibt. Denn er würde den Schaden für die Menschheit nur noch weiter erhöhen. Diese Sinnlosigkeit des Zweitschlags macht diesen für die Abschreckung viel weniger nützlich, als es auf den ersten Blick erscheinen mag. Dazu kommt noch der Umstand, dass der Totalkollaps in einem solchen Angriff durchaus einen ernsthaften Zweitschlag verhindern kann. Damit ist in einem Atomkrieg der Erstschlag immer etwas im Vorteil und genau das befördert eine mögliche Eskalation hin zum Einsatz dieser Waffen.
Umgekehrt: wir bräuchten deshalb eine glaubhafte Erstschlagdoktrin, die über das bloße Vergeltungselement hinaus geht. Insbesondere für niederschwellige, begrenzte feindliche Angriffe. Es gibt einfach so viel eindeutig zu klären und zu bedenken bevor man ansatzweise anfangen kann solche Waffen zu bauen.
Ein einfaches Musterbeispiel damit es nicht zu abstrakt wird: eine deutsche Panzerbrigade dringt auf russisches Gebiet vor um eine russische Streitmacht zu flankieren. Die Russen setzen auf ihrem eigenen Boden eine taktische Nuklearwaffe gegen den deutschen Verband ein. Dieser wird zerstört und handlungsunfähig. Und dann? Was weiter?
Und solche Beispiele und Möglichkeiten gibt es viele. Es sind diese Grenzfälle, die allesamt erstmal eindeutig geklärt werden müssten.
Andere Staaten drohen beispielsweise bereits mit dem Einsatz bei massiven Cyberangriffen auf ihr Land etc. Werden wir also deutsche Wasserstoffbomben auf Städte werfen und Millionen Kinder und Frauen quallvoll ermorden, weil die Bundesrepublik in einem umfangreichen Cyberangriff zusammen bricht ?!
Es ist leicht über irgendwelche abstrakten Konzepte (Zweitschlag nach strategischem Erstschlag) zu faseln, stattdessen sollte man sich Bilder von verbrannten aber noch lebenden Kindern ansehen. Lebenden Toten denen das Fleisch geleeartig von ihren kleinen Kindergliedmaßen fällt während sie unter unendlichen Qualen elend in den armen ihrer vor ihren Augen lebendig verbrannten Mütter erbärmlich verrecken.
Und wenn man dann bereit ist, ohne jedes Zögern genau dies zu tun. Millionenfach. Dann kann man weiter darüber diskutieren ob man solche Waffen bauen sollte.