Militärischer Nahkampf bei der Bundeswehr
#29
Ringkampfbasierte Kampfsysteme haben gegenüber schlagenden und tretenden Systemen den Vorteil, daß der Körper dafür am wenigsten umgeschult werden muß. Statt neue, weniger natürliche Bewegungsmuster zu erlernen, werden vor allem natürlich angelegte Fähigkeiten weiterentwickelt – der Unterschied zwischen Schulung und Umschulung.

Dazu kommt, daß der Ringkampf nahezu unabhängig von Feinmotorik funktioniert. Das ist ein militärisch (in meinem Sinne) relevanter Vorteil, denn Feinmotorik ist die flüchtigste Fähigkeit unter Kampfbedingungen: Müdigkeit, Angst oder Streß – jeder dieser Faktoren allein genügt bereits, um die feinmotorische Kontrolle zu dezimieren.

Im militärischen wie zivilen Kontext ist die Fähigkeit den Gegner zu kontrollieren die Vorbedingung dafür ihn außer Gefecht setzen zu können. Kontrolle über den Gegner ist das gewichtigste Element, um systematisch zu gewinnen (= überleben). Der Ringkampf ermöglicht ein Spektrum von Kontrollgriffen, Hebeln und Würgetechniken, das beliebig dosiert werden kann. Schlagsysteme sind in dieser Hinsicht selbstredend weniger feinstufig – ein wirkungsvoller Schlag verletzt (hoffentlich), ein wirkungsloser Schlag kostet Energie und kippt im schlimmsten Fall die Situation zugunsten des Gegners.

Und noch etwas: Bodenkampf ist eine statistische Realität.
Ein erheblicher Anteil körperlicher Auseinandersetzungen "auf Leben und Tod" endet auf dem Boden. Der Standkampf entspricht dem Kampf bei Tageslicht, der Bodenkampf dem Nachtkampf. Man kann sich die Bedingungen ja nicht aussuchen. Ringkampfbasierte Systeme bereiten gezielt auf diese Situation vor.

Und weil der Ringkampf Hebelwirkung, Körpergewicht und Gleichgewichtsprinzipien nutzt, was physische Nachteile in Kraft und Schnelligkeit zu einem guten Prozentsatz kompensiert, ist er für nicht-athletische Personen schneller und zuverlässiger zu erlernen oder besser gesagt: anzueignen.

Ich habe hier natürlich puren Ringkampf gegen puren Schlagstil gegenübergestellt. Aber nochmal: Wer im militärischen Kontext in einen Nahkampf gerät, vielleicht gar in einen waffenlosen, vielleicht auch noch auf sich allein gestellt, kämpft nur noch aus Verzweiflung. Bevor ich das Soldaten beibringe, bringe ich ihnen doch lieber bei, wie man gar nicht erst in diese Lage kommt. Das geht auch viel schneller und ist zuverlässiger.

Worin ich echten Wert dafür sehe: Gefangenenbehandlung. Es ist erstaunlich, wie scheinbar leicht ein in Handschellen abgeführter Gefangener ein oder gar zwei "Wächter" überwältigen kann. Natürlich ist das vollkommen vermeidbar - aber eben nur durch Schulung.
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Nachrichten in diesem Thema
RE: Bundeswehr – quo vadis? - von alphall31 - 28.02.2026, 02:21
RE: Bundeswehr – quo vadis? - von lime - 28.02.2026, 08:38
RE: Bundeswehr – quo vadis? - von aramiso - 28.02.2026, 20:37
RE: Bundeswehr – quo vadis? - von KBG32 - 28.02.2026, 20:57
RE: Militärischer Nahkampf bei der Bundeswehr - von Pogu - Vor 9 Stunden

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