Sammelthread: B-Waffen
#50
Ich bin im Buch etwas weitergekommen. Grob zwei Drittel habe ich durch. Es finden sich dabei sehr interessante Erläuterungen, wie z. B. die Biowaffenanlagen in Berdsk, Zagorsk und Stepnogorsk aufgebaut werden. Sehr spannend sind dabei die Pockenversuche in Zagorsk.

Zugleich jedoch wird auch ersichtlich, dass Biopreparat eigentlich eine getarnte zivile Einrichtung war, wobei Alibek davon schreibt, dass v. a. das Militär eifersüchtig auf die Ergebnisse war (geleitet wurde Biopreparat indessen von einem General, wobei einer seiner wichtigsten Ansprechpartner Juri Kalinin war, der ab 1980 Biopreparat leitete) und der KGB fast jeden Schritt und Tritt der Angestellten überwachte, auch im privaten Bereich. Alibek schreibt relativ ungezwungen und nonchalant über diese Überwachung, beinahe so als wie wenn man sich schon gewöhnt hätte daran, dass eben jemand im Kühlschrank sitzt und einen anguckt, wenn man ans Gefrierfach will. Je höher er in der Hierarchie aufstieg, desto enger wurde er "begleitet", zugleich jedoch beschreibt er auch, dass seine KGB-Kontakte entweder keine große Ahnung von den Forschungen oder teils sogar geradezu Angst davor hatten. Während manche KGB-Apparatschiks ihre Unkenntnis mit Arroganz überspielten, knüpften manch andere auch engeren Kontakt zu Alibek, auch kam es zum familiären Treffen.

Was sehr interessant ist: Während die Kremlführung um Breschnew, Tschernenko, Andropow und später auch Gorbatschow über die Forschungen Bescheid wusste (lt. Alibek waren es vier oder fünf Personen im ganzen Kreml, die alle Informationen hatten), wurden Details dem sowjetischen Außenministerium vorenthalten. Dieses jedoch musste im Schwerpunkt die Gespräche mit den Amerikanern und Westalliierten führen, was die Biowaffenkonvention angeht. Offenkundig trauten aber Biopreparat, das Militär und der KGB den eigenen Diplomaten nicht, weswegen diese auf mehrere Sitzungen im Kreml direkt angelogen wurden. Vor allem Außenminister Schewardnadse (ab 1985) wurde völlig im Dunkeln gelassen.

Im Verlauf der 1980er Jahre wurde an immer gefährlicheren Erregern gearbeitet, so u. a. am berüchtigten Marburg-Virus (ein Filovirus mit einer CFR von ca. 25%). Dabei starb 1988 ein Forscher namens Nikolai Ustinow an diesem Virus, als er sich in Koltsovo versehentlich bei einem Tierversuch die Nadel mit dem Erreger durch den Handschuh stach. Er wurde in einem verschweißten Sarg beigesetzt.

Zu einem PR-Desaster wurde 1989 die Flucht von Wladimir Passetschnik in den Westen. Passetschnik hatte u. a. zu Pestbakterien geforscht und wie diese in einem Waffensystem ans Ziel gebracht werden konnten. Waren zuvor im Westen nur unscharfe Gerüchte über das sowjetische Biowaffenprogramm im Umlauf gewesen, so lieferte nun erstmals ein hochrangiges Mitglied von Biopreparat direkte Informationen über das Ausmaß des Waffenprogramms an westliche Geheimdienste. In der Folge wurde aus Washington massiver Druck aufgebaut hinsichtlich einer Inspektion der Anlagen. Die Verhandlungen über eine Inspektion musste dann ausgerechnet das Außenministerium führen, das ja regelmäßig angelogen worden war.

Während einer Krisensitzung im Kreml bzgl. Passetschniks Flucht forderte Alibek den KGB auf, alle Informationen zu westlichen Biowaffenprojekten zu liefern - um Gegenargumente aufbauen zu können. Der KGB werkelte dann mehrere Wochen herum und präsentierte den Biopreparat-Leuten dann das ernüchternde Ergebnis: Es gibt zwar einige Orte im Westen, wo geforscht wurde an Erregern (u. a. in USA: Plum Island vor New York, Fort Detrick in Maryland; ebenso Porton Down in England), aber kein aktives Biowaffenprogramm (!). Ja, der KGB bestätigte mehr oder minder, dass die USA seit 1969, als Nixon die offensiven US-Biowaffenprogramme einstellen ließ, kein Biowaffenprogramm mehr haben. Diese Erkenntnisse des KGB wurden jedoch verworfen und/oder ignoriert - obwohl anhand der eigenen geheimdienstlichen Auswertungen ersichtlich war, dass es im Westen kein offensives Biowaffenprogramm gab, entschlossen sich die führenden Militärs und die involvierten Politiker so zu tun, als wie wenn es im Westen solche Programme gibt (sic!).

Fortsetzung folgt.

Schneemann
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[Kein Betreff] - von Holger - 07.10.2003, 16:16
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