Gestern, 21:02
(Gestern, 19:41)Nightwatch schrieb: Kann er nicht, er steht am Fahrzeug und hat keine Möglichkeit rechtzeitig in Erfahrung zu bringen, dass die Dame nach links weg von ihm ausbrechen will. Aus seiner Sicht im Moment der Schussemntscheidung hätte sie genausogut nach rechts oder geradeaus fahren können.Mit etwas gesundem Menschenverstand und einem Mindestmaß an Erfahrung aus dem polizeilichen Einsatz, hätte er sehr wohl eine realistische Einschätzung dazu treffen können.
Er sieht, dass sein Kollege die Frau bedrängt - ob zurecht oder nicht, ist dabei unerheblich. Es muss für ihn klar erkennbar gewesen sein, dass sich die Fahrerin in einer potentiell Panik-verursachenden Situation befand.
Er sieht dann, dass das Fahrzeug daraufhin kurz zurücksetzt und nach links einschlägt, um daraufhin anzuhalten, und in die Gegenrichtung zu fahren. Warum sollte er davon ausgehen, dass die Frau erst links einschlagend zurücksetzt, um dann ebenfalls links einschlagend Gas zu geben, wodurch sie nicht hätte entkommen können? Hätte sie ihn anfahren wollen, hätte sie gleich geradeaus fahren können, statt erst zurückzusetzen. Natürlich konnte er das nicht sicher wissen, aber die Wahrscheinlichkeit, dass sie nicht einfach nur vor seinem Kollegen fliehen wollte, tendierte gegen Null, was er durch eine professionelle Situationsanalyse auch binnen Sekundenbruchteilen hätte realisieren können und als Polizist sogar müssen.
Es ist der verdammte Job eines jeden Polizisten, Extremsituationen korrekt zu bewerten und entsprechend zu handeln!
Zitat:Wir diskutieren darüber nur, weil wir mehr Informationen haben als der Schütze im Moment der Schussentscheidung.Bei Mangel an Informationen sollte also im Zweifelsfall lieber direkt geschossen werden?
Zitat:Wäre die Dame von Schützen aus gesehen anstatt nach links nach rechts oder geradeaus gefahren und hätte den Schützen überollt wäre die Diskussion darüber im nachhinein ganz anders. Für den Schützen im Moment der Schussentscheidung macht das aber keinen Unterschied.Er musste die Gefahr anhand der ihm vorliegenden Informationen bewerten und danach entscheiden. In jedem Fall wäre es ihm möglich gewesen, der persönlichen Gefahr durch Ausweichen zu begegnen. Er hat sich anders entschieden und das war eine Fehlentscheidung. Und zwar eine, die ein Polizist so nicht treffen darf. Es darf immer nur die mindestens erforderliche Gewaltanwendung erfolgen, die in einem angemessenen Verhältnis zur Situation steht. Und ganz egal, wie viel er von der eigentlichen Situation mitbekommen haben sollte, in keiner Variante wären tödliche Schüsse ein angemessenes Mittel gewesen, der realen Gefahr zu begegnen.
Zitat:Du argumentierst so weil das Fahrzeug danach weiter gefahren ist. Das kann der Schütze im Moment der Schussentscheidung nicht voraussehen.Das ist einfach falsch. Es ist vollkommen klar, welchen Einfluss die Tötung eines Autofahrers auf den anzunehmenden Kurs des Fahrzeugs haben wird: Einen unkontrollierbaren, unvorhersehbaren. Bei einem lebenden Fahrer kann man sehr viel verlässlicher einschätzen, wie er sich verhalten wird, als dass man abschätzen könnte, wie der Körper auf einen Kopfschuss reagieren wird.
Das Erschießen eines Autofahrers bringt ihn nicht unter Kontrolle, sondern nimmt ihm lediglich die Möglichkeit, aktiv zu handeln, so dass man ihn in der Folge unter Kontrolle bringen kann.
Zitat:Die Schussabgabe war in diesem Moment die einzige Aussichtsreiche Möglichkeit den wahrgenommenen Angriff mit dem Fahrzeug zu stoppen.Nein, definitiv nicht. Das Fahrzeug als Tatwaffe des vermeintlichen Angriffs unterliegt physikalischen Grenzen, die den möglichen Angriffsablauf erheblich einschränken. Es bestand also die einfache Möglichkeit, dem Angriff auszuweichen, weil die Fahrerin sich nicht über den begrenzten Wendekreis ihrer "Waffe" hinwegsetzen kann. Und damit wäre der Angriff erstmal beendet gewesen. Deshalb gilt: ein Schuss kann in dieser Situation nur gerechtfertigt werden, um Folgeeffekte zu verhindern, nicht aber um den unmittelbaren Angriff auf den Schützen abzuwehren, denn der hätte durch ein sehr viel weniger tödliches Vorgehen abgewendet werden können.
Zitat:Ein besserer Treffer und die Frau drückt kein Gaspedal mehr durch.Als ob man das als Schütze in einer derart dynamischen Situation von außen hinreichend beeinflussen könnte.
Zitat:Das ist sicherlich korrekt, jedoch irrelevant. Der Beamte muss sich nicht überfahren lassen, auch wenn er da taktisch gesehen nicht stehen sollte.Es sagt ja auch keiner, dass er hätte sich hätte überfahren lassen müssen, sondern dass er nicht hätte schießen dürfen. Es ist einfach nicht richtig, dass der Schusswaffengebrauch hier eine geeignetes und angemessenes Mittel war, um die Gefährdung zu beenden, völlig egal, wer diese Gefährdung verursacht hat oder Mitschuld daran trägt.
Es macht eine solche Fehlreaktion des Schützen aber zunehmend problematischer, wenn er sich erst selbst durch eigenes Fehlverhalten in die Situation gebracht hat, in der er dann auch noch falsch reagiert hat. Und das wird auch nicht besser dadurch, dass sein Kollege das mit verschuldet hat, indem er eine Eskalation provozierte, ohne auf die daraus hervorgehende Gefährdung seines Kollegen Rücksicht zu nehmen und diesen vielleicht zuvor zu informieren, wie er vorzugehen gedenkt.
Es ist das absolute A&O in solchen Situationen, dass sich die beteiligten Sicherheitskräfte koordinieren und jeder immer weiß, was der andere tut, um sich darauf einstellen zu können.
Zitat:Die Situation entwickelte sich dynamisch binnen Sekunden und ich kenne den Vorlauf nicht. So isoliert kann ich nicht beurteilen ob das Rumgeturne an der Fahrertür so fürchterlich falsch war. Es sieht sicherlich unprofessionell aus.Natürlich war es falsch. Wenn du dich einem Fahrzeug mit offenem Fahrerfenster in dieser Art näherst, dann musst du dir darüber bewusst sein, welche Reaktionen das auslösen kann. Und die allererste Annahme dazu wäre, dass die Fahrerin Gas geben könnte. Also entweder will ich, dass sie wegfährt, dann versuche ich nicht, ihre Tür zu öffnen, oder ich will sie festsetzen, dann sorge ich zuerst dafür, dass sie nicht wegfahren kann. In keinem denkbaren Szenario könnte es richtig sein, die Frau zu bedrängen, während mein Kollege vor ihrer Motorhaube herläuft! Das ist in der positivsten Lesart schiere Dummheit!
Zitat:Aber das rechtfertigt nicht das Verhalten der Dame im Fahrzeug.Rechtfertigen mag nicht der richtige Begriff sein, es macht es aber in jedem Fall nachvollziehbar und erwartbar. Und das muss ein Polizist wissen und in seine Entscheidungen einbeziehen.
Zitat:Das eben halt nicht, die Situation wurde maßgeblich durch das Verhalten der Fahrerin im Vorfeld (auch eingedenk so mancher Zeugenaussage dazu) erzeugt und dann konkret durch ihren Fluchtversuch (durch den Schützen korrekt als Angriff wahrgenommenen) eskaliert.Ich weiß nicht, welche Zeugenaussagen du meinst, aber es gibt wohl u.a. auch Zeugen, die berichten, dass sie von zwei ICE-Agents widersprüchliche Anweisen (Wegfahren/Aussteigen) zugerufen bekam. Insofern würde ich Zeugenaussagen vorerst außen vor lassen und mich nur an die Videoaufnahmen halten.
Davon ab ist es absurd, die Fluchtreaktion als bewusste Eskalation darzustellen. Der Agent hat sich entschieden, die Situation durch sein Vorgehen zu eskalieren. Die Fahrerin hat mit ihrer Flucht darauf reagiert. Das stellte zwar auch eine Eskalation der Lage dar, jedoch keine selbstbestimmte, sondern eine getriebene. Die Eskalation der Lage ging also nicht initiativ von der Frau aus, sondern von dem Agent.
Zitat:Nur weil die Beamten da taktisch dumm agieren erwächst ihr daraus nicht das Recht bei Durchbruch jemanden (beinahe) über den Haufen zu fahrenNatürlich nicht. Aber das ändert nichts daran, dass die Agents mit ihrer inkompetenten Vorgehensweise die Eskalation der Situation aktiv verursacht haben und einen erheblichen Anteil der Schuld am Tod der Frau zu verantworten haben, auch wenn diese selbst eine gewisse Mitschuld tragen mag, da sie evtl. ursprünglich nicht dort hätte stehen dürfen und im weiteren Verlauf eine Fehlentscheidung getroffen haben mag, vmtl. in Panik.
Zitat:taktisches Ungeschick hebt auch nicht das Recht der Beamtena auf, sich gegen wahrgenommene Angriffe mit tödlicher Gewalt zu wehren.Natürlich nicht, nur ist die Rechtmäßigkeit des Einsatzes tödlicher Gewalt eben gebunden an bestimmte Voraussetzungen, insbesondere die Verhältnismäßigkeit. Außerdem wirft das eigenen Verursachen von Gefahrensituationen ein besonders schlechtes Licht auf deren Beendigung durch tödliche Waffengewalt.
Frei nach South Park: Es kommt direkt auf uns zu!!!
Zitat:Ich sehe in ihren Verhalten keinen Hinweis darauf, dass sie vorgehabt hat den Schützen zu überfahren. Ich denke, dass sie ihn überhaupt nicht wahrgenommen hat. Aber das spielt keine Rolle wenn wir die Situation aus Sicht des Schützen im Moment der Schussnentscheidung beurteilen. Er kann in diesem Moment nicht in der Kopf der Frau schauen.Zu einem gewissen Maß kann und muss er das aber. Psychologie und Menschenkenntnis sind wichtiger Teil der Polizeiarbeit.
Zitat:Bei der Gegenseite ist es wiederrum weit verbreitet, ICE bei ihren (völlig legalen) Einsätzen nach Kräften zu behindern. Die Getötete stammt soweit ich das überblicke sogar aus einen anderen Bundesstaat und hielt sich nur dor auf um Stress zu machen.Da sind wir wieder bei der unklaren Quellenlage, aber meine Information ist die, dass die Frau vor kurzem dort hin gezogen sei und zuvor noch ihren Sohn an der Schule abgesetzt habe. Keine Ahnung, welche Darstellung stimmt, aber das tut halt auch nicht wirklich was zur Sache.
Zitat:Am Ende des Tages ist es eine bedauernswerte Epsiode, die va Gouverneur Waltz in seinem Betrugsskandal helfen ... wird.

Der Moment, in dem er die Waffe zieht, die Räder waren da schon wieder gerade ausgerichtet und drehten sich weiter nach rechts:
[Bild: https://i.imgur.com/pTRBnwP.jpeg]
Der Moment, in dem sie ihn passiert und er den ersten Schuss abgibt, man beachte die Positionierung des Schützen neben der Motorhaube:
[Bild: https://i.imgur.com/NlaaOir.jpeg]
Der zweite Schuss, jetzt schon aus deutlicher Distanz von der Seite:
[Bild: https://i.imgur.com/kOlUVaA.jpeg]
Und der dritte von halb hinten, spätestens da war die Gefahr, überfahren zu werden offensichtlich eingedämmt:
[Bild: https://i.imgur.com/qD4ruLo.jpeg]
(Screenshots im WHQ geklaut vom Nutzer MamaPapaZombie)
Um das nochmal hervorzuheben: Der erste Schuss fiel erst, als der Schütze sich bereits neben dem Fahrzeug auf Höhe der Motorhaube befand. Das ist in dem von EuropeanMind verlinkten BBC-Beitrag klar zu erkennen. Die beiden weiteren Schüsse gingen durch das geöffnete Seitenfenster.
