(02.03.2026, 13:36)DopePopeUrban schrieb: Wir befinden uns hier in Europa in der ausgesprochen ungewöhnlichen Situation, dass die europäischen Wirtschaften in einem gemeinsamen Binnenmarkt zusammengelegt sind. "Nationale" Industrien und Lieferketten sind kaum noch vom gesamteuropäischen Kontext zu trennen.
Das gilt aber in einem solchen Maße wie für die Gesamtwirtschaft explizit nicht für die Rüstungsindustrie, die aufgrund von nationalen Regularien und politischem Interesse weitaus weniger integriert ist. MBDA ist ein gutes Beispiel dafür, in anderen (zivilen) Wirtschaftsbereichen wäre das inzwischen ein weitgehend monolitisches Unternehmen mit konzentrierten, spezialisierten Entwicklungs- und Produktionsstätten in verschiedenen Ländern, tatsächlich handelt es sich aber noch immer um eine unnötig dezentralisierte Organisation mit vielen Doppelstrukturen gerade im Entwicklungsbereich, so dass neue Systeme häufig wie Kooperationsprojekte unter einem Dach behandelt werden müssen. Ein deutlich höherer Grad an Integration ist zwar unternehmerisch gewünscht, stellt sich aber weiterhin als politisch schwierig dar. Auch der Blick auf die Integration von Airbus im zivilen und im militärischen Bereich offenbart große Unterschiede, obwohl dies vermutlich der Konzern ist, der am ehesten als "europäisch" gelten kann und hinsichtlich der Organisation am fortgeschrittensten ist.
Zitat:Gleichsam sind die verschiedenen EU-Mitgliedstaaten, obgleich es je nach Situation durchaus individuelle Nuancen gibt, politisch, diplomatisch und militärisch gesehen im Großen und Ganzen ein einigermaßen homogener "Klumpen". Die meisten nationalen Interessen liegen hier eng beieinander und wollen ungefähr in die gleiche Richtung, jedenfalls außenpolitisch betrachtet.
Selbst wenn ich die "Querulanten" in dem Bereich jetzt ignoriere, selbst bei den Nationen mit einer vermeintlich einheitlichen außenpolitischen Agenda zerfasert sich diese doch bei genauerer Betrachtung aufgrund von nationalen Einzelinteressen. Dies in Kombination mit dem sehr unterschiedlich ausgeprägten Willen zur Um- und Durchsetzung der eigenen Interessen sorgt dafür, es immer wieder auch Streitpunkte explizit bei Rüstungsprojekten gibt.
In diesen beiden sehr relevanten Punkte kann ich dir definitiv nicht zustimmen.
Zitat:Sowohl wirtschaftlich wie auch politisch ist der Kontext eines innereuropäischen Rüstungsimports so überstaatlich verwoben, dass es mMn einem einzelnen Staat nicht mehr möglich ist, diesen (im relevanten Maße) als politischen Hebel zu nutzen, ohne sich damit selbst massiv zu schaden.
Das Problem dabei ist, dass die Bewertung von "Schaden" auch aufgrund der vorgenannten Unterschiede bei Ziel und Willen der außenpolitischen Agenda so unterschiedlich erfolgt, dass dies real betrachtet durchaus in Kauf genommen wird. Sei es, weil opportunistische Schäden gar nicht richtig beziffert werden, weil politische Schäden nur bedingt quantifizierbar sind und vor allem langfristig Folgenreich sein können, oder weil die eigenen Interessen höher wiegen. Wie gesagt spreche ich nicht von kurzfristigen operativen Schäden, die in einem sinnvollen Maß kaum funktionieren, sondern vor allen von den langfristigen Schäden, die auch in der Fläche erzeugt werden können. Als Beispiel seien da die keinesfalls stringenten, anhand von willkürlichen Faktoren gesetzten deutschen Exportverbote genannt, die für ein Zusammenwachsen der europäischen Rüstungsindustrie insgesamt wie auch für die Durchführung einzelner Kooperationsprojekte und nicht zuletzt für die deutsche Industrie selbst extrem schädlich sind und letztlich in keinem Verhältnis zu den eigentlichen Zielen stehen. Und das ist keinesfalls eine deutsche Spezialität, sondern nur ein (wenn auch extremes) Beispiel dafür, dass nationale Politik zur Verfügung stehende Hebel durchaus auch zum eigenen Schaden nutzt. Die Annahme, dass das nicht passieren wird, ist in Anbetracht der vielen Fälle, in denen das passiert, für mich nicht nachvollziehbar. Natürlich ist der eine große gemeinsame Krieg das Extrembeispiel, bei dem ein großes gemeinsames Interesse die Nutzung entsprechender Hebel unwahrscheinlich macht, aber es muss eben gar nicht nur auf diesen großen gemeinsamen Krieg hinaus laufen, sondern kann sich auch um ganz andere Konflikte, inbesondere auch nicht-militärische beziehen.
Zitat:Meine Ablehnung speziell gegenüber amerikanischen Rüstungsimporten gilt daher eigentlich nicht speziell amerikanischen Rüstungsimporten, sie ist lediglich dem Kontext in dem sie existieren geschuldet. Denn im Gegensatz zu eben bspw innereuropäischen Verhältnissen existiert kein gegenseitiges Machtverhältnis zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten.
Auf rüstungsindustrieller Ebene ist das definitiv korrekt, auf politischer und gesamtwirtschaftlicher Ebene sehe ich das so eindeutig allerdings nicht (vor allem in Bezug auf Europa als ganzes). Das von dir "überspitzte" Szenario ergibt deshalb aus mehreren Gründen keinen Sinn, nicht nur weil diese operativen Einschränkungen nicht realistisch sind, vor allem aber, weil die Europa für die USA wesentlich wichtiger ist als Russland und daher die russischen Handelsbeziehungen sicherlich nie höher gewichtet werden als ein Verteidigungsinteresse Deutschlands oder Europas.
Zitat:Die US-Streitkräfte unterhalten wichtige Basen in Deutschland, das dürfte auch unsere einzige Trumpfkarte sein. Aber auch die sind maximal "bequem", unersetzlich kann man Rammstein und co wohl kaum nennen.
Für die globalen Interessen der USA würde ich die US-Stützpunkte in Deutschland tatsächlich als kurz- und mittelfristig unersetzlich bezeichnen. Und auch sie könnten natürlich als Druckmittel eingesetzt werden, aber wie gesagt, ich halte die Gesamtsituation für völlig unrealitisch. Trotzdem stimme ich dir natürlich zu, und das sage ich auch immer wieder in den entsprechenden Diskussionen (wenn ich mich daran beteilige), nationale Souveränität wird über eine nicht einfach zu ersetzende Beteiligung erreicht, weil dadurch Druckmittel entstehen. Das ist bei Projekten mit den USA weitaus weniger möglich als bei europäischen Projekten.